Froschlurch des Jahres 2007: Die Knoblauchkröte PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 15. September 2009 um 15:36 Uhr
Abb. 1. Knoblauchkröte PortraitLogo Vorbemerkung
Nach dem Reptil des Jahres 2006, der Waldeidechse, folgt im Wechsel nun der Froschlurch des Jahres.
Folgende Begleitmaterialien sind erschienen: Poster (10 MB) Leitfaden (5 MB), Flyer (4 MB), Filme (WMV): Nahrungsaufnahme Schnecke (4 MB), Nahrungsaufnahme Wurm (4 MB), Grabeverhalten (9 MB) und Paarung (9 MB) (Filme: © Dorte von Stünzner).

Für Journalisten halten wir Bildmaterial zum kostenfreien Abdruck bereit (Kontakt: DGHT-Geschäftsstelle, siehe Impressum).

Die Knoblauchkröte
Die Knoblauchkröte (Pelobates fuscus) ist ein Sonderling unter den Froschlurchen unserer Heimat. Den größten Teil des Jahres ist sie hauptsächlich nachtaktiv und zudem tagsüber im Erdboden vergraben. Durch die versteckte Lebensweise ist sie vielen Naturfreunden nur dem Namen nach bekannt. Auch während der Fortpflanzungszeit im Frühjahr wird die heimliche Lebensweise beibehalten - und sogar das relativ leise „Froschkonzert“ findet unter Wasser statt. Die Larven dieser Art können 22 cm Länge erreichen und sind damit die Giganten der „Kaulquappenwelt“. Knoblauchkröten zeigen ein sehr interessantes Abwehrverhalten, indem sie den Feind durch Kopfstöße oder selbst durch Bisse attackieren und dabei manchmal auch relativ laute Schreie mit geöffnetem Mund ausstoßen – Verhaltensweisen, die weltweit nur sehr wenige Froschlurche zeigen. Der deutsche Artnamen Knoblauchkröte bezieht sich übrigens auf das in Stresssituationen abgegebene, knoblauchähnlich riechende Exkret.

Die liebe Verwandtschaft

Die Knoblauchkröte, von der nur eine isoliert in der italienischen Po-Ebene vorkommende Unterart beschrieben ist, Pelobates fuscus insubricus, gehört zur Familie der „Altweltlichen“ Schaufelfußkröten (Pelobatidae). Dazu zählen noch drei weitere Arten in Eurasien sowie im nordwestlichen Marokko: Spanischer Messerfuß (Pelobates cultripes), Syrische Schaufelfußkröte (Pelobates syriacus) und Marokkanische Schaufelfußkröte (Pelobates varaldii).

Schaufelkröte mit großem Verbreitungsgebiet
Abb. 2. Knoblauchkröte Verbreitung
Die Knoblauchkröte besiedelt das größte Artareal unter den „Altweltlichen“ Schaufelfußkröten. Es erstreckt sich über 5.000 km von Belgien, den Niederlanden, Dänemark und Südschweden nach Osten bis in das nordwestliche Kazachstan und nach Westsibirien. Die maximale Nord-Süd-Ausdehnung beträgt ca. 2.000 km und reicht von Nord-West-Russland bis in das Donautiefland von Rumänien/Bulgarien sowie bis nach Daghestan (Russland). Isolierte Vorkommen gibt es in Zentral-Frankreich sowie in der Po-Ebene. Mit Ausnahme des Saarlandes kommt die Art in allen Ländern Deutschlands vor, fehlt aber beispielsweise in den Alpen und dem Alpenvorland oder auch in höheren Mittelgebirgslagen, wie Schwarzwald oder Harz. In Österreich liegen die Vorkommen vor allem im Donautal und in den Tieflagen des Ostens (Bundesländer Ober- und Niederösterreich, Wien, Burgenland und Steiermark).

Der „Steckbrief“Abb. 3. Knoblauchkröte
Knoblauchkröten sind mit Körperlängen von 60-70 mm kleine Froschlurche. Der Körper ist gedrungen, am großen Kopf fallen die hervortretenden Augen und die helmartige Erhebung entlang der Kopfmitte auf. Die Pupillen sind am Tage senkrecht schlitzförmig, nachts nahezu rund. Ein auffälliges Merkmal ist der bis zu 6 mm lange, gewölbte, scharfrandige Fersenhöcker an den Hinterfüßen. Der Körper zeigt eine Grundfärbung aus Grau- und Brauntönen, worauf ein mehr oder weniger symmetrisches Muster aus hell- bis dunkelbraunen Längsbändern oder Flecken ausgebildet ist. Die weißlich-hellgraue Unterseite kann graue Sprenkel aufweisen. Männchen besitzen auf dem Oberarm eine ovale Schwiele. Weibchen werden im Vergleich mit männlichen Tieren etwas größer.

Hochzeit unter Wasser und RiesenlarvenAbb. 4. Knoblauchkröte Larve
Im April/Mai können wir sowohl nachts als auch tagsüber die leisen Paarungsrufe der Männchen unter Wasser hören, durch die Weibchen angelockt werden. Zur Paarung umklammert das Männchen die Partnerin mit den Vordergliedmaßen vor ihren Hinterbeinen. Das Paar sucht dann unter Wasser die Stängel von Sumpf- und Wasserpflanzen auf, um daran die 40-70 cm lange, fingerdicke, gallertige Laichschnur mit den ca. 1.200-3.300 Eiern abzulegen. Die fischähnlichen Larven schlüpfen nach ca. 14 Tagen aus der Laichschnur, messen dann ca. 5-6 mm und erreichen gewöhnlich Längen von 8-10 cm; doch wurden auch „Riesenlarven“ von 18-22 cm bekannt, deren Körper fast den Handteller eines Erwachsenen ausfüllt! Die Metamorphose ist nach 70-150 Tagen abgeschlossen; Larven können gelegentlich überwintern.

Wer tief gräbt, schläft gutAbb. 5. Knoblauchkröte gräbt sich ein
Eine der interessantesten Verhaltensweisen der Knoblauchkröte ist der Vorgang des Eingrabens in den Bodengrund. Der Aufenthalt „unter Tage“ schützt sie vor Austrocknung und Feinden. Das Vergraben erfolgt durch seitliche Schaufelbewegungen der Hinterbeine rückwärts und in der Regel senkrecht nach unten, wobei der Fersenhöcker als „Spaten“ dient. Ist das Eingraben beendet, wird durch „schwänzelnde“ Bewegungen des „Hinterteiles“ das Substrat verfestigt und dadurch eine „Atemhöhle“ geschaffen, in der die Kröte schläft.

Knoblauchkröten sind Steppenbewohner
Knoblauchkröten besiedeln vor allem Lebensräume mit lockeren Böden, in die sie sich leicht eingraben können. Im Osten ihres Verbreitungsgebietes leben sie in Steppen- und Waldsteppengebieten. In Mitteleuropa sind sie Bewohner offener Lebensräume der Kultursteppe: Heidegebiete, Sand- und Kiesgruben, Industrie- und Ackerbrachen, militärische Übungsplätze, städtische Parkanlagen und Ödlandflächen. Durchaus häufig sind sie auch auf Spargel-, Kartoffel-, Gemüse- und Maisfeldern mit leichteren Böden, aber auch Wiesen und Weiden, und selbst schwere, grabfähige Lehmböden werden nicht gemieden.
Die Laichabgabe erfolgt in den Randbereichen nährstoffreicher, besonnter, pflanzenreicher Gewässer: Weiher, extensiv bewirtschaftete Teiche, Seen, Bruchgewässer, Altwässer, Überschwemmungstümpel von Flüssen oder Grubengewässer.

Beute und Räuber
Knoblauchkröten ernähren sich hauptsächlich von Laufkäfern, Schmetterlingslarven, Regenwürmern und kleinen Schnecken. Einer der „Hauptfeinde“ unserer Knoblauchkröte ist der Waldkauz, der sie vor allem im Frühjahr erbeutet. Darüber hinaus wird sie noch von vielen weiteren Vogelarten wie Graureiher, Mäusebussard, Schwarzmilan und Schleiereule bzw. Säugetieren wie Spitzmäusen und Wildschweinen gefressen.

Gefährdung durch den MenschenAbb. 6. Lebensraum
Die Knoblauchkröte steht auf der Roten Liste Deutschlands in der Kategorie „stark gefährdet“. Ihr Bestand ist durch die unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und Gefährdungen in ihren Wasser- und Landlebensräumen bedroht:
– Verlust oder Entwertung von Laichgewässern, direkt z. B. durch Verfüllung und Trockenlegung, indirekt durch wasserbauliche Maßnahmen bei Fließgewässerbegradigungen; dadurch kommt es zu einem frühzeitigen Trockenfallen der Überschwemmungstümpel und Weiher in den Auen.
– Veränderungen des Wasserhaushaltes (v. a. Grundwasserabsenkungen).
– Verschlechterung der Gewässergüte durch Nährstoff- und Schadstoffeinträge (Dünger, Gülle, Biozide, Abwassereinleitungen).
– Fischbesatz und Fischintensivzucht in Laichgewässern.
– Verlust und Entwertung von Ackerflächen und Brachen durch Intensivierung der maschinellen Bodenbearbeitung in der Landwirtschaft im Umfeld der Laichgewässer (z. B. Tiefpflügen, Spargelstechen, Hacken, Mulchen).
– Zerschneidung und Veränderung der Lebensräume inklusive ihrer Wander- und Ausbreitungskorridore (Straßen- und Wegebau, Siedlungen, flächenhafte Baumaßnahmen).
– Aufforstungen und Verfüllen von Sand- und Kiesabbaugebieten.

Wie können wir dem „Froschlurch des Jahres 2007“ helfen?Abb. 7. Lebensraum
Um die Bestände dieses einzigartigen Froschlurches in unserer Heimat zu erhalten, bedarf es Maßnahmen zur Optimierung und/oder Neuschaffung seines Lebensraumes bzw. von Teillebensräumen. Einige Vorschläge dazu:

– Sicherung und Pflege bestehender, Wiederherstellung ehemals verfüllter und Neuanlage weiterer Laichgewässer in geeigneten Lebensräumen (groß, fischfrei, sonnenexponiert, flache Ufer, reichhaltige Unterwasservegetation, Röhrichte).
– Aufbau eines Laichgewässer-Verbundes, in dem die einzelnen Gewässer möglichst weniger als 1 km voneinander entfernt liegen.
– Wenigstens die bedeutendsten, noch in der Ackerlandschaft verbliebenen Laichgewässer sollten mit einer 20-50 m breiten Schutzzone (Pufferzone) in Form einer weitgehend unbewachsenen Brachfläche umgeben werden.
– Verhinderung von überhöhtem Fischbesatz mit dem Ziel einer extensiven, fischereilichen Nutzung – gelegentliches Trockenfallen im Winter ist vorteilhaft.
– Schaffung eines Verbundnetzes aus vegetationsarmen Ödlandflächen (sandige, grabfähige Böden ) und Ackerbrachen bzw. extensiv bewirtschafteten Flächen im Bereich der aktuellen Vorkommen.
– Nutzungsextensivierung auf Ackerflächen durch geeignete Anbauverfahren (z. B. Winterweizen, Winterroggen) und schonende Bodenbewirtschaftung, z. B. durch Verzicht auf winterliches Tiefpflügen oder die Ausbringung ätzender Düngemittel.

Lesetipps
Cabela, A., Grillitsch, H. & F. Tiedemann (Hrsg.) (2001): Atlas zur Verbreitung und Ökologie der Amphibien und Reptilien in Österreich: Auswertung der Herpetofaunistischen Datenbank der Herpetologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums in Wien. – Umweltbundesamt Wien, 880 S. (Knoblauchkröte S. 284-295).
Günther, R. (Hrsg.) (1996): Die Amphibien und Reptilien Deutschlands. – Gustav Fischer Verlag Jena, Stuttgart, Lübeck, Ulm; (Knoblauchkröte S. 252-274).
Kwet, A. (2005): Reptilien und Amphibien Europas. – Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG Stuttgart, 252 S.
Nöllert, A. (1990): Die Knoblauchkröte. – Die Neue Brehm-Bücherei, 2. Aufl., Bd. 561, A. Ziemsen Verlag Wittenberg Lutherstadt, 144 S.
Nöllert, A., & CH. Nöllert (1992): Die Amphibien Europas. – Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG Stuttgart, 382 S.

Sponsoren der Aktion "Froschlurch des Jahres 2007"