Reptil des Jahres 2006: Die Waldeidechse PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 15. September 2009 um 15:50 Uhr
Abb. 1. Waldeidechse PortraitLogo Vorbemerkung
Das erste Reptil des Jahres ist die Waldeidechse (Zootoca vivipara), unsere häufigste und am weitesten verbreitete einheimische Eidechse. Die Art bot sich an, da vom 16. bis 19. November 2006 im Museum Koenig in Bonn ein Symposium zum Thema "Die Waldeidechse, Zootoca vivipara - Evolution, Ausbreitungsgeschichte, Ökologie und Schutz der erfolgreichsten Reptilienart der Welt" stattfinden wird.
Bei den Vorbereitungsarbeiten zur Aktion "Reptil des Jahres 2006" wurde der Vorstand durch die Arbeitsgemeinschaften Feldherpetologie und Lacertiden unterstützt. Folgende Begleitmaterialien sind erschienen: Poster, Leitfaden, Literatur zur Gefährdungssituation und Flyer.
Für Journalisten halten wir Bildmaterial zum kostenfreien Abdruck bereit (Kontakt: DGHT-Geschäftsstelle, siehe unten).

Die Waldeidechse
Den Lurchen (Amphibien), insbesondere aber den Kriechtieren (Reptilien), stehen weite Bevölkerungskreise auch heute noch skeptisch bis ablehnend gegenüber. In den bei vielen Fernsehzuschauern so beliebten "Tierfilmen" werden diese Tiere, vor allem gegenüber den Vögeln und Säugetieren, nach wie vor eher stiefmütterlich behandelt. Viele unserer einheimischen Arten sind inzwischen in ihren Beständen stark gefährdet, teilweise sogar vom Aussterben bedroht. Ganz allgemein erweist sich dieAbb. 2. Waldeidechse im Biotop Bestandsentwicklung von Amphibien und Reptilien als guter Indikator für den Zustand unserer mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) beschlossen, vom Jahre 2006 an abwechselnd eine Reptilien- oder Amphibienart des Jahres der breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
Beginnen möchten wir mit der Waldeidechse (Zootoca vivipara), unserer häufigsten und am weitesten verbreiteten einheimischen Eidechse.
Die Waldeidechse ist ein Vertreter der Echten Eidechsen, der Familie Lacertidae, die mit etwas mehr als 270 Arten in Europa, Afrika und Asien verbreitet ist. In Deutschland kommen neben ihr vier weitere Arten vor: die Zauneidechse (Lacerta agilis), die Westliche Smaragdeidechse (Lacerta bilineata), die Östliche Smaragdeidechse (Lacerta viridis) und die Mauereidechse (Podarcis muralis).

Eine Verbreitung mit Superlativen
Abb. 3. Verbreitung der WaldeidechseUnter den landlebenden Reptilien schlägt die Waldeidechse mit der Größe ihres Verbreitungsgebietes alle Rekorde! Über mehr als 11000 km erstreckt sich ihr Areal von Irland im Westen bis auf die Inseln Sachalin und Hokkaido im Osten. Von Süd-Bulgarien und der italienischen Poebene ist sie nach Norden bis an die Küsten des Eismeeres und der Barents-See verbreitet (3100 km). Kein anderes Reptil dringt so weit nach Norden vor - es ist zweifellos eine Erfolgsart!

Klein aber oho!
Abb. 4. Weibchen mit einjährigem und diesjährigem JungtierMit einer Gesamtlänge von maximal 18 cm ist die Waldeidechse unsere kleinste einheimische Art. Davon nimmt der Schwanz knapp zwei Drittel ein. Wie bei allen Reptilien bedeckt den Körper ein Schuppenkleid. Am Rumpf sind diese Schuppen oberseits relativ klein. Auf dem Kopf dagegen sind es regelmäßig angeordnete, große Schilder, ebenso auf dem Bauch, wo sie Quer- und Längsreihen bilden. Oberseits sind Waldeidechsen in unterschiedlichen Schattierungen bräunlich gefärbt und haben ein Muster aus kleinen hellen und dunklen Flecken, die meist in Längsreihen angeordnet sind. Die Unterseite der Weibchen ist weißlich oder gelblich, die der Männchen orange gefärbt und zudem dunkel gefleckt. Die Männchen haben außerdem etwas größere Köpfe und dickere Schwanzwurzeln als die Weibchen. Die frischgeborenen Jungtiere sind bronzefarben mit einem schwärzlichen Schwanz.

Ein Reptil, das keine Eier legt
Ihr wissenschaftlicher Artname vivipara deutet es an: als einzige unserer heimischen Eidechsenarten ist die Waldeidechse lebendgebärend und nicht Eier legend. Genau genommen ist sie ovovivipar - das heißt, sie legt bis zu zehn Eier mit einer dünnen, durchsichtigen Hülle, aus denen während oder unmittelbar nach der Eiablage die Abb. 5. Alpine Matten als Lebensraum im Hochgebirgekleinen, sofort völlig selbständigen Jungtiere schlüpfen. Die Eientwicklung im Mutterleib führt zwar dazu, dass die Weibchen während der Trächtigkeit in ihrer Beweglichkeit deutlich eingeschränkt sind, bietet aber den großen Vorteil einer weit besseren, weil nicht ortsgebundenen Ausnutzung der Sonnenwärme. Diese Fähigkeit ermöglicht es der Waldeidechse, auch in die kalte Polarregion und in Höhenlagen der Gebirge vorzudringen, in denen die meisten anderen Eidechsenarten nicht mehr leben können. Bemerkenswert ist, dass in den letzten Jahren in den Pyrenäen und im Ostalpenraum (Slowenien, Oberitalien und Kärnten) Populationen der Waldeidechse entdeckt wurden, die, wie die anderen Eidechsen, ganz "normal" Eier legen. Warum diese Populationen Eier legend sind, ist bisher allerdings nicht geklärt.
Kleine Insekten und Spinnen bilden den Hauptbestandteil der Nahrung von Waldeidechsen. Im Unterschied zu vielen anderen Eidechsen verschmäht diese Art Früchte, Blüten und andere Pflanzenteile.

Die Eidechse der Wälder, Moore und Berge
Deutschland wird fast flächendeckend von der Waldeidechse besiedelt. Die Art fehlt nur in den Marschgebieten an der Nordsee und in stark landwirtschaftlich geprägten Regionen, etwa der Magdeburger Börde.Abb. 6. Moorhabitat
Der deutsche Trivialname bezieht sich auf den bevorzugten Lebensraum dieser Art. In Norddeutschland sind dies überwiegend Waldgebiete und Moore - hier ist der Name Waldeidechse, regional auch Mooreidechse, gebräuchlich. Im Süden Deutschlands wird sie dagegen Bergeidechse genannt - wieder ihrem hauptsächlichen Lebensraum entsprechend. Weitere Biotop-Aufnahmen.

Gefahren lauern überall
Bei Störungen bringt sich die Waldeidechse still und heimlich in Sicherheit, zum Beispiel im Gestrüpp, unter Totholz oder in Erdlöchern. Nicht immer gelingt ihr dasAbb. 9. Portrait der Waldeidechse allerdings problemlos und so ist sie bei Gefahr wie ihre Verwandten in der Lage, den Schwanz an vorgebildeten Bruchstellen abzuwerfen. Während das hin und her zuckende Schwanzteil die Aufmerksamkeit der Fressfeinde (z.B. Turmfalke und Hauskatze) auf sich zieht, kann die nun schwanzlose Eidechse ins dichte Unterholz fliehen. Der Schwanz wächst innerhalb weniger Monate zumindest teilweise wieder nach, erreicht aber nicht mehr die ursprüngliche Länge. In Gewässernähe lebende Waldeidechsen gehen in vermeintlich gefährlichen Situationen schon mal auf Tauchstation. Einige Minuten die Luft anhaltend, verbergen sie sich zwischen Wasserpflanzen, um danach vorsichtig an der Wasseroberfläche die Lage zu sondieren. Insgesamt mag es die Waldeidechse etwas feuchter und kühler als ihre einheimischen Verwandten. Sie ist vor allem an Waldrändern und auf Waldlichtungen im Gestrüpp anzutreffen, nicht selten auch in "naturnahen" Gärten und ähnlichen Strukturen. Waldeidechsen sind aber auch typische Bewohner sumpfiger und mooriger Lebensräume und besiedeln unsere Mittelgebirge ebenso wie die Alpen oberhalb der Baumgrenze.

Hilfe tut Not - Hilfe ist möglich
Die Waldeidechse gehört vermutlich zu den weniger gefährdeten einheimischen Reptilien, doch ist insgesamt relativ wenig über die Häufigkeit der Vorkommen und Abb. 10. Gruppe am SonnenplatzBestandsentwicklung der Art bekannt. Zumindest regional gerät sie offenbar zunehmend in Gefahr - dies vor allem durch Zerstörung ihrer Lebensräume, etwa von Mooren und Heiden, Brachen, Feldhecken oder strukturreichen Wegrändern. Mit der Beseitigung von Kleinstrukturen, wie zum Beispiel liegendes Totholz oder Steinhaufen, gehen wichtige Bestandteile des Lebensraumes für die Art verloren. Dies trägt entscheidend zu ihrem Rückgang bei. Hinzu kommen als Gefährdungsfaktoren übertriebene Ordnungsliebe, etwa durch die regelmäßige Mahd von Böschungen und Räumung von Gräben in Waldnähe oder auch die Verfüllung älterer Ton-, Sand- und Kiesgruben, sowie Steinbrüche und nicht zuletzt die Nutzungsänderung oder Bebauung von Ruderalflächen.

Abb. 11. GartenbiotopDer Waldeidechse kann man gut durch "Unterlassungen" helfen: man legt keine Moore und Feuchtgebiete trocken, man "kultiviert" nicht jedes Heidegebiet und die letzte Ruderalfläche, man räumt nicht jeden Wald auf, sondern überlässt Totholz und Stubben der natürlichen Verrottung, und man muss nicht jede Waldlichtung aufforsten und jeden alten Steinbruch rekultivieren.
Durch die Vernetzung von Biotopen und die behutsame Pflege geeigneter Lebensräume (z.B. sonnenexponierte Wegraine, Hecken, Waldränder, alte Bahnstrecken oder offene Trassen von Hochspannungsleitungen) oder die Anlage von Lesesteinhaufen oder Totholzstapeln an Waldrändern können die Lebensräume der Waldeidechse aktiv verbessert werden. Auch an Häusern und in Kleingärten kann diese Eidechse gut leben, wenn entsprechende Strukturen verfügbar und nicht zu viele Katzen vorhanden sind.
Der Schutz und die Pflege der Lebensräume der Waldeidechse nützt vielen anderen gefährdeten Tier- und Pflanzenarten!

Lesetipps
Dely, O.G. & W. Böhme (1984): Lacerta vivipara Jacquin 1787 - Waldeidechse. - In: Böhme, W. (Hrsg.): Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas, Bd. 2/I, Echsen (Sauria) II. – Wiesbaden (Aula), S. 362-393.
Glandt, D. (2001): Die Waldeidechse. - Bochum (Laurenti), 111 S.
Günther, R. & W. Völkl (1996): Waldeidechse - Lacerta vivipara Jacquin, 1787. - In: Günther, R. (Hrsg.): Die Amphibien und Reptilien Deutschlands. - Jena, Stuttgart, Lübeck, Ulm (G. Fischer), S. 588-600.
Kwet, A. (2005): Kosmos-Naturführer Reptilien- und Amphibien Europas. – Stuttgart (Kosmos), 252 S.

Herausgeber & Mitarbeit
Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT)
1. Vorsitzender: Ingo Pauler, Wachenheim
2. Vorsitzender: Dr. Axel Kwet, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Pressesprecherin: Silvia Macina, Rellingen
Kontaktadresse: DGHT-Geschäftsstelle, Postfach 1421, Wormersdorfer Str. 46-48, D-53351 Rheinbach; Tel.: 02225/703333; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. ; Web: www.dght.de
Exemplare des Falblattes und des Posters sind kostenlos gegen Erstattung der Versandkosten erhältlich.
DGHT-Arbeitsgruppe Feldherpetologie
Richard Podloucky, Isernhagen, Dr. Hans-Konrad Nettmann, Bremen, Arno Geiger, Recklinghausen, Andreas Nöllert, Jena
DGHT-Arbeitsgruppe Lacertiden
Wolfgang Bischoff, Bonn, Mike Zawadzki, Hamburg
Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn
Prof. Dr. Wolfgang Böhme, Bonn
Text: Wolfgang Bischoff, unter Mitarbeit von Arno Geiger, Axel Kwet, Hans-Konrad Nettmann, Andreas Nöllert, Richard Podloucky
Bildnachweis: Wolfgang Böhme, Michael Franzen, Andreas Nöllert, Arnold Ritter, Josef Friedrich Schmidtler
Aktions-Logo: Julia Gritzka; Gestaltung: DGHT-Geschäftsstelle, Andreas Mendt
Dank an die Chimaira Buchhandelsgesellschaft mbH, den Natur und Tier-Verlag GmbH und die AG Lacertiden in der DGHT für die Unterstützung.