Die Blindschleiche: Ein Artenkomplex PDF Drucken E-Mail
Freitag, 05. Februar 2010 um 11:04 Uhr
Auch scheinbar gut bekannte heimische Reptilien sind noch für Überraschungen gut. Das zeigen z.B. neueste genetische Studien an der Blindschleiche, Anguis fragilis, die belegen, dass deren unterschiedliche Formen sich entwicklungsgeschichtlich weit ferner stehen als bisher angenommen, so dass eine Aufspaltung in mehrere Arten notwendig erscheint. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls tschechische Wissenschaftler nach genetischen Analysen. Ihre Ergebnisse bestätigen nicht nur, dass es sich bei Anguis cephallonica vom Peloponnes tatsächlich um eine eigenständige Art handelt, sondern zeigen auch, dass diese als Schwestertaxon einer Gruppe von drei weiteren evolutionären Linien gegenüber steht. Auch diese drei sind so weit voneinander getrennt, dass sie als eigenständige Arten anzusehen sind. Demnach lebt also die Blindschleiche im eigentlichen Sinn, Anguis fragilis, in West- und Zentraleuropa, dem nordwestlichen Balkan und wahrscheinlich auch in Westskandinavien und Italien. Anguis colchica ist dagegen vom Osten Tschechiens und dem baltischen Gebiet ostwärts bis zum Nordiran sowie vermutlich auch in Ostskandinavien und im Nordostbalkan verbreitet. Die dritte Art, Anguis graeca,  umfasst die Blindschleichen des südlichen Balkans, wobei sich ihr Verbreitungsgebiet mit dem von Anguis cephallonica überlappt. Die genetischen Daten legen ferner nahe, dass die kaukasischen und kaspischen Populationen von Anguis colchica Unterartstatus verdienen. Die neuen Erkenntnisse zur artlichen Vielfalt der Blindsachleichen werfen natürlich auch ein neues Licht auf die Gefährdungssituationen der einzelnen Subgruppen und sollten daher bei zukünftigen Schutzmaßnahmen ebenso berücksichtig werden wie bei morphologischen und ethologischen Studien.
(Quelle:  Gvoždík V, Jandzik D, Lymberakis P, Jablonski D, Moravec J. (2010) Mol Phylogenet Evol online Vorabveröffentlichung)