Reptil des Jahres 2013: Die Schlingnatter PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 11. November 2012 um 00:00 Uhr

Logo Vorbemerkung
SchlingnatterDie Schlingnatter ist eine der am weitesten verbreiteten Schlangenarten Europas. Dennoch ist sie vielen Naturinteressierten kaum bekannt. Dies liegt in erster Linie an ihrer versteckten Lebensweise, zudem wird die harmlose, ungiftige Art nicht selten mit der ähnlich gezeichneten und wesentlich bekannteren Kreuzotter verwechselt. Die Schlingnatter gilt in unseren Breiten vor allem aufgrund von Lebensraumverlust als selten und ist in vielen Gebieten bedroht.Folgende Begleitmaterialien sind erschienen: Poster, Leitfaden, Flyer - alle als PDF.

Schlingnatter VerbreitungDie Schlingnatter – Steckbrief
Die Schlingnatter ist eine verhältnismäßig kleine, zierliche Schlange, deren schmaler Kopf nur schwach vom Körper abgesetzt ist. Sie erreicht eine Gesamtlänge von 60 - 75 cm bei einem durchschnittlichen Gewicht von 50 - 60 g. An der Kopfseite zieht sich ein dunkler Augenstreif vom Nasenloch bis zum Hals. Die Pupille ist rund.
Charakteristisch ist der braunschwarze, oft herz- oder hufeisenförmige Nackenfleck, dem eine meist paarige oder gegeneinander versetzte Fleckenzeichnung auf dem glattschuppigen Rücken folgt.
Die Grundfärbung der Körperoberseite variiert in den verschiedensten Grau- und Brauntönen. Die Unterseite ist meist deutlich grau bis schwarz oder rötlich braun gefärbt und oft leicht marmoriert.
Die Jungtiere ähneln in Zeichnung und Färbung den Alttieren. Lediglich ihre Bauchseite ist meist leuchtend orange- bis karminrot, und der dunkle Nackenfleck bedeckt nahezu die gesamte Kopfoberseite. Schlingnattern werden mit dem dritten beziehungsweise vierten Lebensjahr geschlechtsreif und können ein maximales Lebensalter von 19 - 20 Jahren erreichen.

Verbreitung
Die Schlingnatter ist nahezu in ganz Europa verbreitet. Sie fehlt lediglich in Irland sowie in weiten Teilen Großbritanniens und Skandinaviens. Zudem reicht ihr Verbreitungsareal bis nach Westsibirien und in den mittleren Osten. Auch in Deutschland ist die Schlingnatter weit verbreitet, wobei ein Schwerpunkt in den wärmebegünstigten Mittelgebirgsregionen Süd- beziehungsweise Südwestdeutschlands liegt. Nach Norden splittert sich das Areal in isolierte Vorkommen auf. In Österreich kommt sie in allen Bundesländern vor. Hauptverbreitungsgebiete stellen die wärmebegünstigten Regionen des Alpenvorlandes dar. Auch in der Schweiz ist sie weit verbreitet, hat aber vor allem im Mittelland zwischen Genfer- und Bodensee in den letzten Jahrzehnten erhebliche Arealverluste erlitten. Im Juragebirge und in den Alpen leben dagegen noch zahlreiche, teils individuenstarke Bestände. In Luxemburg kommt die Schlingnatter nur noch lokal und isoliert vor.

Schlingnatter Lebensraum NeckarLebensraum
Die Schlingnatter besiedelt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume mit offenem und halboffenem Charakter. Alle zeichnen sich durch eine heterogene, deckungsreiche Vegetationsstruktur und ein Mosaik aus Versteck- und Sonnenplätzen aus. So zählen Hochmoore, lichte Kiefernwälder, Heidegebiete, Blockschutthalden in Wäldern oder sonnenexponierte Hanglagen entlang von Flüssen ebenso zu ihren Lebensräumen wie Weinbaugebiete, Steinbrüche, Bahndämme oder naturbelassene Gärten.

Das Leben im Jahresverlauf
Meist Mitte/Ende März bis Anfang April verlässt die Schlingnatter ihr Winterquartier. Die Paarung erfolgt im April und vor allem im Mai. Dabei umkriecht das Männchen das Weibchen, bis beide Körper auf gleicher Höhe nebeneinander liegen. Nun legt es seinen Kopf auf den Nacken des Weibchens, nicht selten beißt es sogar zu, um ein Entkommen der Partnerin zu verhindern. Die anschließende Begattung dauert 20 – 45 Minuten. Schlingnattern sind ovovivipar, das heißt, sie gebären vollständig entwickelte Jungtiere. Diese werden nach einer 4–5-monatigen Tragzeit Ende August bis Anfang September geboren und sind sofort selbständig. Die durchschnittliche Wurfgröße liegt bei 6 – 8 Jungtieren, die bei der Geburt um die 15 – 20 cm lang und etwa 2,5 – 3,5 g schwer sind. Große Weibchen können zum Teil deutlich mehr Jungtiere gebären. Im Oktober bis Anfang November werden die Winterquartiere aufgesucht. Dies sind frostfreie Verstecke wie Erdlöcher, Kleinsäugerbaue oder auch Felsspalten. Die Winterruhe dauert 4 – 5 Monate.
 
Nahrung, Nahrungserwerb und Feinde
Schlingnattern fressen in erster Linie Eidechsen, Blindschleichen und Kleinsäuger, vereinzelt auch Schlangen, Eidechseneier, Jungvögel und Vogeleier, Amphibien, größere Insekten und Regenwürmer. Größere Beutetiere werden nach dem blitzschnellen Ergreifen mehrfach umschlungen (daher Schlingnatter) und so in ihrer Atmung behindert oder erstickt, um sie anschließend, zumeist mit dem Kopf voran, zu verschlingen. Die Schlingnatter hat eine Reihe natürlicher Feinde: Iltis, Fuchs, Wildschwein, Mäusebussard, Weißstorch, in Siedlungsnähe auch die Hauskatze.
 
Gefährdung 
Die Schlingnatter ist als relativ anpassungsfähige Art in Europa stellenweise häufig, nördlich der Alpen aber insgesamt selten und vielerorts bedroht. In den Roten Listen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Luxemburgs wird sie dementsprechend als „gefährdet“ eingestuft. Gründe hierfür sind der starke Rückgang ursprünglicher oder historisch extensiv genutzter Lebensräume wie Moore, Heiden und Magerrasen, aber auch Waldränder, Abgrabungen, Bahnstrecken und Weinberge. Auch der fortschreitende Straßenbau und die Zerschneidung der Lebensräume haben einen negativen Einfluss auf die Bestände. Aufgrund der Arealverluste und Bestandsrückgänge wurde die Schlingnatter in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFHRichtlinie) der EU als „streng zu schützende Art von gemeinschaftlichem Interesse“ in den Anhang IV aufgenommen. Nach § 44 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) gilt die Schlingnatter als „streng geschützt“, das heißt, es dürfen weder Individuen getötet noch ihre Fortpflanzungs- oder Ruhestätten zerstört werden.
 
SchutzSchlingnatter Mauer
Schutzmaßnahmen müssen vor allem auf die Erhaltung und Optimierung noch vorhandener Lebensräume und auf einen mosaikartigen Strukturreichtum abzielen, der besonders die Wärmebedürfnisse der Natter berücksichtigt:
• Langfristige Sicherung trockenwarmer Primärbiotope, z.B. lichte Laubwälder mit natürlichen Geröllhalden, Trocken- und Magerrasen sowie Heiden und Moore.
• Erhalt der traditionellen Bewirtschaftung in Weinberglagen.
• Pflege brachliegender Sekundärstandorte, z. B. in Steinbrüchen oder an Bahntrassen, Straßen- und Wegrändern.
• Vernetzung geeigneter Lebensräume im Offenland durch linienförmige Landschaftsstrukturen.
• Erhalt und Wiederherstellung wertvoller Habitatstrukturen wie Trockenmauern, Steinriegel oder Totholzhaufen.

DGHT-Arbeitsgruppe Feldherpetologie und Artenschutz
RICHARD PODLOUCKY, Isernhagen
ARNO GEIGER, Recklinghausen
DIRK ALFERMANN, Waging am See
DANIELA DICK, Leipzig
Text: DIRK ALFERMANN und RICHARD PODLOUCKY
Mitarbeit: AXEL KWET
Gestaltung: Flyer DARINA SCHMIDT, Poster ANGELIKA und SIEGFRIED TROIDL, Broschüre BEAT AKERET, Web ANDREAS MENDT. Bildnachweis: DIRK ALFERMANN, STEFAN DUMMERMUTH, ARNO GEIGER, HANNES HILL, AXEL KWET, KONRAD MEBERT, ANDREAS MEYER, ANDREAS NÖLLERT, RICHARD PODLOUCKY, TORSTEN PRÖHL, BENNY TRAPP

Weitere Informationen und Lesetipps erhalten Sie unter www.dght.de und www.feldherpetologie.de.

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