Reptil des Jahres 2011: Die Mauereidechse PDF Drucken E-Mail
Freitag, 27. November 2009 um 16:02 Uhr

Logo VorbemerkungMauereidechse
Die Mauereidechse ist – am Nordwestrand ihres Verbreitungsareals – so stark wie keine andere Reptilienart an durch den Menschen entstandene Sekundärlebensräume gebunden. Diese enge Bindung führt infolge veränderter Wirtschaftsweisen im Weinbau und durch Baumaßnahmen an Bahnanlagen zu vielfältigen Gefährdungssituationen.

Folgende Begleitmaterialien sind erschienen: Poster (9 MB), Leitfaden, Flyer, Für Journalisten halten wir Bildmaterial zum kostenfreien Abdruck bereit (Kontakt: DGHT-Geschäftsstelle, siehe Impressum).

Mauereidechsen – die dominierende Reptiliengruppe Europas
Verbreitung MauereidechseIn Südeuropa repräsentiert die Gattung der Mauereidechsen (Podarcis) mit mindestens 20 Arten die dominierende und allgegenwärtige Reptiliengruppe. Unsere Mauereidechse (P. muralis) besitzt von allen Arten das größte und am weitesten nach Norden reichende Verbreitungsgebiet, welches sich vom Kantabrischen Gebirge (Nord-Spanien) im Westen bis nach Nordwest-Anatolien im Osten erstreckt. Die Nord-Süd-Ausdehnung reicht von den Südniederlanden und dem Bonner Raum bis zum äußersten Süden der Peloponnes (Griechenland). Während die Art in den südlichen Regionen bis zur montanen Stufe verbreitet ist, ist sie in Deutschland vorwiegend in niedrigen Höhenlagen anzutreffen. Schwerpunktmäßig werden die wärmebegünstigten Hanggebiete der Flüsse Rhein, Neckar, Mosel, Saar, Nahe und Lahn in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg besiedelt. Die nordwestliche Arealgrenze der Art verläuft durch die südlichsten Landesteile Nordrhein-Westfalens.

In Österreich ist die Mauereidechse vor allem in Kärnten, der östlichen Steiermark, dem Mittel- und Südburgenland sowie im östlichen Niederösterreich verbreitet. In der Schweiz ist sie besonders im Tessin und in der westlichen Schweiz, im Rhônetal, im Genferseegebiet und an den Südhängen des Jura, häufig.

In Deutschland und der Schweiz sind zwei Unterarten vertreten: Podarcis muralis brongniardii (Westdeutschland und Westschweiz) sowie Podarcis muralis maculiventris („maculiventris-West") (Südbayern, Tessin und einige Täler Graubündens). In Österreich kommt als Ergebnis unabhängiger postglazialer Einwanderungen zudem die Nominatform Podarcis muralis muralis vor.

Steckbrief
MauereidechseDie Mauereidechse erreicht eine maximale Gesamtlänge von 22 cm (meist jedoch unter 20 cm), wovon etwa zwei Drittel auf den Schwanz entfallen. Ihr schlanker, abgeflachter Körper, die kräftigen Beine und langen Zehen sowie der lange Schwanz verleihen der Art ihre charakteristische Klettersicherheit. Einheimische Mauereidechsen sind hell- bis mittelbraun oder grau gefärbt. Von der Augenregion bis auf die Schwanzwurzel verläuft ein dunkles Seitenband, welches sich bei den Männchen häufig in eine Netzstruktur auflöst, bei den Weibchen und Jungtieren aber einheitlich zu Tage tritt. Die Geschlechtsreife wird nach der zweiten Überwinterung, im Alter von zwei Jahren (Kopf-Rumpf-Länge 5 cm), erreicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 4–6 Jahre, wobei einzelne Tiere auch ein Höchstalter von 10 Jahren erreichen können.

Ein Jahr ohne große Pausen
Als einzige heimische Eidechse kann die Mauereidechse bei Schönwetterereignissen selbst im Winter beobachtet werden. Ihre eigentliche Aktivität beginnt jedoch nach der Winterruhe Anfang März. Rund 3–4 Wochen vor den Weibchen erscheinen die Männchen und zeigen Revierkämpfe, bevor es von März bis Juli zur Paarbildung kommt. Die Partnerwahl geht vom Weibchen aus, welches sich vor allem aufgrund optischer (Färbung/Größe) und geruchlicher Signale (Pheromone) mit einem Männchen verpaart. Zwischen Mai und Mitte August – etwa ein Monat nach der Paarung – erfolgt an vegetationsarmen Schuttflächen die Eiablage. Die Entwicklungszeit der Eier wie auch der Schlupferfolg sind stark temperaturabhängig. In klimatisch ungünstigen Jahren mit kühlen, verregneten Sommern verzögert sich der Schlupf. Nach 6–11 Wochen, gegen Mitte Juli bis Mitte August, schlüpfen die ersten Jungtiere. Generell steigert ein früher Schlupf die Chancen der Jungen, genügend Reserven anzulegen, um erfolgreich überwintern zu können.

„Streifjäger" und evolutives Wettrüsten
Als aktive Streifjäger suchen Mauereidechsen ihren Lebensraum mehrmals am Tag unter starkem Züngeln nach Insekten (Zweiflügler, Tausendfüßer, Schmetterlinge, Käfer) und Spinnentieren ab. Eine interessante Räuber-Beute-Beziehung hat sich zwischen der Eidechsen fressenden Schlingnatter und der Mauereidechse herausgebildet. So wie die Schlange Mauereidechsen in dunklen Spaltensystemen olfaktorisch ortet, kann auch die Eidechse die Anwesenheit der Schlingnatter geruchlich wahrnehmen – und darüber hinaus zwischen für sie gefährlichen und harmlosen Schlangenarten unterscheiden.

Eine Charakterart der Weinbaugebiete
LebensraumIn Deutschland ist die Mauereidechse untrennbar mit dem Terrassenweinbau und seinen charakteristischen Trockenmauern verbunden. Bedeutsame Lebensräume sind zudem Gleisschotterflächen an Bahnanlagen, auch vor dem Hintergrund der Ausbreitung dieser Art. Weitgehend natürliche Habitate findet die Art in naturnahen Flusstälern mit Abbruchkanten und Schotterbänken, in Felsen und Blockhalden sowie stillgelegten Steinbrüchen mit beginnender Sukzession. Begrenzende Faktoren für die Besiedlung eines Lebensraumes sind die Exposition (süd-, südwest- und südostexponierte Lage), die Anzahl tiefer Bodenspalten für die Überwinterung, vegetationslose Bereiche zum Sonnen und zur Eiablage sowie vegetationsreiche Abschnitte mit zahlreichen Insekten als Beute.

GefährdungVerfugte Mauer - kein guter Lebensraum
Nördlich der Alpen gilt die Mauereidechse in den meisten Ländern als gefährdet: Die Art geht im Bestand zurück, oder ihre Zukunftsaussichten sind zumindest schlecht. Das früher durch ausgedehnte Primärlebensräume zusammenhängende Verbreitungsgebiet wurde innerhalb weniger hundert Jahre immer stärker verinselt. Gravierende negative Auswirkungen auf den Bestand hatte die Intensivierung der Weinberglagen durch Flurbereinigungen in den letzten 50 Jahren, in deren Folge zahlreiche Trockenmauern verfugt oder beseitigt wurden. Darüber hinaus wurden Ruinen saniert und die Landnutzung intensiviert; lichte Wälder wuchsen zu dichten Hochwäldern durch. Andererseits profitierte die Mauereidechse seit ca. 20 Jahren vom Einsatz umweltschonender Herbizide sowie dem Aussetzen der Pflege im Bereich von Güterbahnhöfen. Diese unlängst erschlossenen Lebensräume droht die Art nun infolge des Baus von Gewerbe- und Wohngebieten wieder zu verlieren, ohne diesmal die Möglichkeit zu haben, sich neue Lebensräume zu erschließen. Daneben sind die Verschattung von Lebensräumen sowie Sanierungsmaßnahmen an Ruinen, Burgen (Verfugung) und Trockenmauern weitere wichtige Gefährdungsfaktoren.

Aufgrund des mittelfristigen Areal- und Bestandsrückgangs sowie der schlechten Zukunftsaussichten wurde die Mauereidechse in der EU-weit gültigen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) als streng zu schützende Art in den Anhang IV aufgenommen. Die Länder sind damit verpflichtet, ein strenges Schutzsystem zu entwickeln, was bedeutet, dass die in Deutschland streng geschützte Mauereidechse weder getötet noch ihre Fortpflanzungs- oder Ruhestätten (Winterquartier) zerstört werden dürfen (§ 44 Bundesnaturschutzgesetz).

Schutz
Um die Bestände der Mauereidechse dauerhaft zu sichern, werden folgende Maßnahmen empfohlen:

  • Erhalt und langfristige Sicherung trockenwarmer Primärbiotope, z. B. lichte Laubwälder mit offenen Felsbildungen, natürliche Block- und Geröllhalden und gerölldurchsetzte Trockenrasen.
  • Wiederzulassen von Abtrag und Auflandung von Sedimenten an Fließgewässern, sodass wieder Abbruchkanten und Schotterbänke entstehen können.
  • Aufrechterhaltung der traditionellen Bewirtschaftung in den Weinberglagen.
  • Erhaltung und Pflege brachliegender Sekundärstandorte, z. B. in Steinbrüchen oder an Bahndämmen, Straßen- und Wegrändern und in aufgelassenen Weinbergen.
  • Erhaltung und Wiederherstellung wertvoller Habitatstrukturen wie Trockenmauern, Steinriegel und freie Felsabschnitte.

Lesetipps
PaarungGruschwitz, M. & W. Böhme (1986): Podarcis muralis (Laurenti, 1768) – Mauereidechse. – S. 155–208 in: W. Böhme (Hrsg.): Handbuch der Reptilen und Amphibien Europas. Bd. 2/II. Echsen III (Podarcis). – Aula, Wiesbaden.
Günther, R., H. Laufer & M. Watzmann (1996): Mauereidechse – Podarcis muralis (Laurenti 1768). – S. 600–617 in: R. Günther (Hrsg.): Die Amphibien und Reptilien Deutschlands. – Gustav Fischer, Jena.
Laufer, H., M. Waitzmann & P. Zimmermann (2007): Mauereidechse Podarcis muralis (Laurenti, 1768). – S. 577–596 in: H. Laufer, K. Fritz & P. Sowig (Hrsg.): Die Amphibien und Reptilien Baden-Württembergs. – Ulmer, Stuttgart.
Schulte, U. (2008): Die Mauereidechse. – Laurenti, Bielefeld, 160 S.

Herausgeber
Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT)
Verantwortlich: Dr. Axel Kwet, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Kontakt: Silvia Macina, DGHT-Geschäftsstelle, Postfach 1421, Wormersdorfer Str. 46-48, D-53351 Rheinbach; Tel.: 02225 / 703333; Fax: 02225 / 703338; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. ; Web: www.dght.de
DGHT-Arbeitsgruppe Feldherpetologie
Richard Podloucky, Isernhagen, Arno Geiger, Recklinghausen, Dr. Hans-Konrad Nettmann, Bremen,
Text: Ulrich Schulte, Hubert Laufer unter Mitarbeit von Richard Podloucky und Dr. Axel Kwet
Gestaltung: Andreas Mendt (DGHT)
Bildnachweis: Eric Egerer (1), Karl Hofsäss (1), Andreas Meyer (3), Richard Podloucky (3), Ulrich Schulte (1), Benny Trapp (2)

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