Reptil des Jahres 2015: Die Europäische Sumpfschildkröte PDF Drucken E-Mail
Freitag, 21. November 2014 um 00:00 Uhr

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Emys Portrait

Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige Schildkrötenart, die in Mitteleuropa natürlicherweise vorkommt. Sie wird in den Roten Listen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Die Europäische Sumpfschildkröte ist innerhalb der EU und damit auch in Deutschland streng geschützt. Jede Störung dieser Reptilien und Beeinträchtigung ihrer Lebensräume ist strikt verboten,  ebenso illegale Aussetzungen. Nur in Ausnahmefällen sind wissenschaftlich begleitete Wiederansiedlungsprojekte mit nach strengen Kriterien ausgewählten Tieren in ausgesuchten Ansiedlungsgewässern erlaubt.

Folgende Begleitmaterialien sind erschienen: Poster, Leitfaden, Flyer - alle als PDF.

Steckbrief der Europäischen Sumpfschildkröte

  • Wissenschaftliche Artbezeichnung: Emys orbicularis
  • sechs wissenschaftlich benannte Unterarten
  • Rückenpanzer, Kopf, Hals und  Extremitäten dunkel mit vielen gelben Punkten oder Strichen
  • Panzerlänge im nördlichen Verbreitungsgebiet bis maximal 23 cm, im Süden bis 15 cm
  • „Scharnier“ im Bauchpanzer (lederartige Verbindung zwischen Vorder- und Hinterteil)
  • bewegliche, nicht verknöcherte „Brücke“ zwischen Rücken- und Bauchpanzer
Verbreitung und Unterarten
 
Verbreitung Europäische SumpfschildkröteDie Europäische Sumpfschildkröte besiedelt ein ausgedehntes Verbreitungsgebiet, das sich vom westlichen Nordafrika, Portugal und Spanien mit großen Verbreitungslücken in West- und Mitteleuropa ostwärts bis zum Aralsee und nach Kleinasien, im Norden bis nach Lettland erstreckt.
Man unterscheidet derzeit sechs Unterarten: Emys orbicularis orbicularis (größte Verbreitung in ganz Mittel- und Osteuropa), E. o. occidentalis (Nordafrika, Iberische Halbinsel), E. o. galloitalica (französische Mittelmeerküste, Westitalien, Korsika, Sardinien, Mallorca, Menorca), E. o. hellenica (Adriaraum, Westgriechenland, Peloponnes), E. o. eiselti (Südtürkei) sowie E. o. persica (östliches Transkaukasien, Nordiran, Turkmenien). Eine zweite Emys-Art in Europa ist die Sizilianische Sumpfschildkröte (Emys trinacris). 

Vorkommen in Mitteleuropa

In den westlichen Gebieten Deutschlands sind die letzten ursprünglichen Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte vor rund 300 Jahren erloschen. Nach aktuellem Stand existieren nur noch in Brandenburg freilebende Restbestände. Nachweise dieser Art in allen anderen deutschen Bundesländern gehen auf kontrollierte oder unkontrollierte Aussetzungen zurück. Auch in der Schweiz dürften fast alle Beobachtungen auf entwichene oder freigesetzte Individuen zurückgehen. In Österreich finden sich die einzigen ursprünglichen Vorkommen im Nationalpark Donau-Auen.

Der Lebensraum 

In Mitteleuropa sind die Wohngewässer der Europäischen Sumpfschildkröte relativ flache, stehende Gewässer, die leicht von der Sonne erwärmt werden und sich häufig durch einen reichen Pflanzenbewuchs im Wasser und Uferbereich auszeichnen. Der Lebensraum umfasst neben dem Wohngewässer auch die nähere und weitere Umgebung mit Überwinterungsquartieren, Eiablagestellen und Jungtierhabitaten.

Jahresaktivität

Die Europäische Sumpfschildkröte ist eine tagaktive Wasserschildkröte, die in der Natur sehr scheu und selten zu beobachten ist. In Mitteleuropa hält sie eine ausgedehnte Winterruhe. Abhängig von den Klimabedingungen endet die Überwinterung zwischen Ende Februar und Mitte April. Die Tiere bleiben in der Regel bis in den Spätherbst hinein aktiv; in kalten Jahren ziehen sie sich zur Winterruhe ab Mitte September in strukturreiche, weniger frostexponierte Gewässer zurück.
Im Frühjahr und Herbst sonnen sich Europäische Sumpfschildkröten oft in den Mittagsstunden am Gewässerufer und auf Baumstämmen. An heißen Sommertagen erfolgen die Sonnenbäder in den Vor- und Nachmittagsstunden, oder die Tiere treiben an der Wasseroberfläche. Als Nahrungsgeneralisten verzehren sie unter anderem Wasserinsekten, Wasserschnecken, Würmer, Fische, Kaulquappen und Aas. 

Fortpflanzung

Emys schwimmend

In Mitteleuropa finden Paarungsaktivitäten im Frühjahr, teilweise auch später im Jahr statt. Hierbei kommt es oft zu Beißereien zwischen Konkurrenten. Bei der Paarung klammert sich das Männchen mit allen Vieren am Panzerrand der Partnerin fest. Zur Ablage der Gelege mit durchschnittlich 10–20 Eiern kommt es Ende Mai/Anfang Juni an optimal besonnten Stellen, für die Wanderungen bis mehr als 1 km und mehr zurückgelegt werden. Nach dem Schlupf verlassen die kleinen Schildkröten meist im September die Nesthöhle oder überwintern, bereits geschlüpft, in der Gelegegrube.

Gefährdung

In den Roten Listen Deutschlands und der deutschen Bundesländer wird die Europäische Sumpfschildkröte als „ausgestorben oder verschollen“ beziehungsweise als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Entscheidend für die Erhaltung der Art in Deutschland ist ihr Status in Brandenburg mit den letzten freilebenden Vorkommen und in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Art noch bis vor wenigen Jahren nachgewiesen wurde. Der Erhaltungszustand im Sinne der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie wird in Deutschland als „schlecht“ bewertet. Auch in den Roten Listen Österreichs und der Schweiz wird die Art als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft.
Noch bis ins 18. Jahrhundert wurde Emys orbicularis in großer Zahl zu Speisezwecken, später dann zur Tierhaltung gefangen, oder sie verendete als Beifang in Fischreusen. Neben Fang und Handel waren die zunehmende Industrialisierung und das Trockenlegen aquatischer Lebensräume, der Ausbau und die Begradigung kleinerer Flussläufe sowie der Wandel der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung wesentliche Ursachen des Rückgangs. Der Ausbau des Straßennetz es, steigende Verkehrsdichten und die Erschließung von Wäldern und Agrarflächen beeinträchtigen noch heute den Verbund der Teillebensräume der letzten Vorkommen. Zudem stellen Fressfeinde wie Wildschwein, Fuchs und Dachs, vor allem aber eingeschleppte Waschbären und Aussetzungen nicht heimischer Schildkröten eine Bedrohung für die Europäische Sumpfschildkröte dar.

Schutz

Emys Biotop

In den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union weist die Aufnahme in die Anhänge der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) die Europäische Sumpfschildkröte als „Tierart von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen“ (Anhang II), und als „streng zu schützende Art von gemeinschaftlichem Interesse“ (Anhang IV) aus. In Deutschland gehört die Europäische Sumpfschildkröte laut Bundesnaturschutzgesetz zu den „besonders geschützten“, zusätzlich auch zu den „streng geschützten“ Arten.
Reliktvorkommen und angesiedelte Populationen der Europäischen Sumpfschildkröte in Mitteleuropa befinden sich zumeist in einem kritischen Erhaltungszustand. Durch effektive Maßnahmen zum Schutz der Lebensräume und der Populationen erscheint langfristig eine Erholung der Europäischen Sumpfschildkröte möglich.

Schutzmaßnahmen

  • Erhaltung und Revitalisierung vielgestaltiger Gewässerlebensräume
  • Schutz , Pflege und Neuanlage von Landlebensräumen (Gelegeplätze und Gewässerumfeld)
  • Schutz der Nester vor Kahlfrösten
  • Biotopverbund mit großräumig unzerschnittenen, verkehrsfreien Landschaften
  • Prädatorenmanagement durch Schutzmaßnahmen an den Nestern und gegebenenfalls gezielte Bejagung
  • Fachlich fundierte Bestandsstützungen und Wiederansiedlungen
  • Kontinuierliches Monitoring der Bestände

DGHT-Arbeitsgruppe Feldherpetologie und Artenschutz

RICHARD PODLOUCKY, Isernhagen
ARNO GEIGER, Recklinghausen
DIRK ALFERMANN, Waging am See
DANIELA DICK, Leipzig
Verantwortlich AXEL KWET, Fellbach

Text: Prof. Dr. UWE FRITZ, Dr. NORBERT SCHNEEWEISS und RICHARD PODLOUCKY

Gestaltung: Flyer und Broschüre DARINA SCHMIDT, Poster ANGELIKA und SIEGFRIED TROIDL, Web ANDREAS MENDT. Bilder: Artenschutzprogramm "Europäische Sumpfschildkröte" Nationalpark Donauauen, AXEL KWET, RICHARD PODLOUCKY, NORBERT SCHNEEWEISS

Weitere Informationen und Lesetipps erhalten Sie unter www.dght.de und www.feldherpetologie.de.

Sponsoren

Verkehrsschild Emys

Wir danken unseren Sponsoren Landkreis Germersheim, Nationalpark Doanauauen, Zoo Landau in der Pfalz 

© DGHT 2014